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Anstieg der Volkskrankheiten

Mit der steigenden Lebenserwartung verbreiten sich auch die Volkskrankheiten. Die aktuelle Wissenschaftslage lässt vermuten, dass der Anstieg dieser Erkrankungen auch auf eine frühkindliche Prägung durch Umwelt und Ernährung zurückzuführen ist.


Die Menschen der entwickelten Industrienationen leben immer länger. Doch leider steigen nicht nur die Lebenserwartung, sondern auch die sogenannten Volkskrankheiten, auch "nicht-übertragbare Krankheiten" genannt (engl. non-communicable diseases, NCDs). Zu diesen Volks- oder Zivilisationskrankheiten gehören Übergewicht, Diabetes und Allergien sowie die kardiovaskulären Erkrankungen wie Bluthochdruck, koronare Herzerkrankungen oder Herzinfarkt. Die aktuelle Wissenschaftslage lässt vermuten, dass der Anstieg dieser Erkrankungen auch auf eine frühkindliche Prägung durch Umwelt und Ernährung zurückzuführen ist.

Übergewicht

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Abbildung 1: Übergewicht nach Altersgruppe und Geschlecht; Ergebnisse der KiGGS-Studie [ 6 ].

Übergewicht und Fettleibigkeit (Adipositas) gelten als Risikofaktoren für eine Vielzahl von Krankheiten und stellen global den fünftgrößten Risikofaktor für vorzeitigen Tod dar; weltweit sterben beinahe drei Millionen Erwachsene jedes Jahr, weil sie zu viel wiegen. Übergewicht und Adipositas sind für 44 Prozent der Diabetes-Erkrankungen, 23 Prozent der Herzerkrankungen und bis zu 41 Prozent bestimmter Krebserkrankungen verantwortlich [ 1 ].

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) leben heute zwei Drittel der Weltbevölkerung in Ländern, in denen Übergewicht und Fettleibigkeit mehr Todesfälle verursachen als Unterernährung [ 1 ]. Man nimmt an, dass sich die Anzahl der fettleibigen Personen in Europa seit 1980 verdreifacht hat, auch in Ländern mit bisher geringer Verbreitung an Übergewicht. 2008 waren nach Schätzungen der WHO in Europa mehr als die Hälfte der Männer und Frauen übergewichtig und etwa 23 Prozent der Frauen und 20 Prozent der Männer fettleibig [ 2 ].

Die direkten und indirekten Ausgaben für gesundheitliche Folgen von Übergewicht beliefen sich im Jahr 2002 in Europa auf schätzungsweise 33 Milliarden Euro pro Jahr [ 2 ].

Während Übergewicht und Adipositas im Erwachsenenalter durch den Body-Mass-Index (BMI) ermittelt werden können, werden sie bei Kindern und Jugendlichen wegen entwicklungsabhängiger Veränderungen statistisch anhand alters- und geschlechtsdifferenzierter Perzentilen einer Referenzpopulation definiert [ 3 ].

Die WHO berichtet, dass 2010 weltweit 43 Millionen Kinder unter fünf Jahren übergewichtig waren. In Europa stieg die Zahl von übergewichtigen Klein- und Schulkindern kontinuierlich zwischen 1990 und 2008; im Jahr 2004 waren von 77 Millionen Kindern drei Millionen fettleibig [ 1 ]. Laut Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) waren im Zeitraum 2008 bis 2011 rund 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen in Deutschland übergewichtig sowie 23 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen adipös [ 4 ].

Der Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen in Deutschland wurde erstmals mit dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS-Studie) repräsentativ erfasst [ 5 ]. Demnach lag zwischen 2003 und 2006 die Prävalenz für Übergewicht im Alter von null bis 17 Jahren bei 15% (s. Abb. 1) und stieg gegenüber dem Zeitraum, in dem die Referenzpopulation gemessen wurde (1985 bis 1998) um 50%. Die Prävalenz für Fettleibigkeit verdoppelte sich gegenüber dem Referenzzeitraum und lag zwischen 2003 und 2006 bei 6,3% [ 6 ].

Dieser dramatische Anstieg an übergewichtigen Kindern der letzten Jahrzehnte wird zum großen Teil durch einen Lebensstil mit zu wenig Bewegung und schlechter Ernährung erklärt. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen aber auch, dass darüber hinaus übergewichtige Schwangere ihren Kindern eine Veranlagung mitgeben, selbst übergewichtig zu werden. Hat sich dieser Umstand in der Gesellschaft erst einmal ausgebreitet, steigt die Veranlagung zu Übergewicht von Generation zu Generation [ 7 ].

Mehr als die Hälfte der Kinder, die bereits vor der Pubertät übergewichtig sind, bleiben es auch als junge Erwachsene. Übergewicht bei Kindern ist ein ernstzunehmendes Gesundheitsproblem, das im Zusammenhang mit anderen Gesundheitsproblemen wie Atemproblemen, Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes, Gelenkbeschwerden und psychischen Erkrankungen steht [ 2 ]. Letztere resultieren oft in schwachen schulischen Leistungen, sozialer Einsamkeit und einem geringen Selbstwertgefühl.

Diabetes

Laut dem „Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2014" [ 8 ] sind aktuell etwa sechs Millionen Menschen in Deutschland an Diabetes erkrankt. Dies entspricht mehr als neun Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Rund 90 Prozent der Betroffenen sind an Typ-2-Diabetes erkrankt; jeden Tag erkranken daran mehr als 700 Menschen.

Die Zahlen der Typ-2-Diabetes-Neuerkrankungen bei Jugendlichen haben sich in den letzten Jahren verfünffacht. Das entspricht etwa 200 Neuerkrankungen jährlich. Dabei handelt es sich fast ausnahmslos um sehr stark übergewichtige Personen, bei denen bereits die Eltern und Großeltern an einem Typ-2-Diabetes leiden. Schätzungen gehen von etwa 5.000 Kindern und Jugendlichen mit Typ-2-Diabetes aus (Hochrechnungen einer Studie aus Bayern mit 520 übergewichtigen im Alter neun bis 20 Jahre). Übergewichtige und adipöse Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien sind stärker von Typ-2-Diabetes betroffen als Kinder deutscher Abstammung.

Familiäre Veranlagung, zu wenig Bewegung und Übergewicht gelten als die wichtigsten Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes. Rund 90 Prozent der Betroffenen haben Übergewicht und rund 44 Prozent davon haben starkes Übergewicht. Das „Metabolische Syndrom" (Übergewicht am Bauch + Fettstoffwechselstörungen + Bluthochdruck + erhöhter Nüchternblutzucker) betrifft 83 Prozent der Menschen mit Diabetes Typ 2.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Kardiovaskuläre Erkrankungen stellen die häufigste Todesursache in den Industrienationen dar [ 9 ]. In Deutschland wurden im Jahr 2010 insgesamt rund 41 Prozent aller registrierten Todesfälle durch sie verursacht [ 10 ]. Zu den kardiovaskulären Erkrankungen gehören Bluthochdruck, koronare Herzerkrankungen oder Herzinfarkt. Insbesondere ältere Menschen sind davon betroffen, die Erkrankungen manifestieren sich aber auch bereits im Alter unter 50 Jahren. Zu den Risikofaktoren zählen Übergewicht, Rauchen, Bluthochdruck, ein erhöhter Cholesterinspiegel und Diabetes [ 11 ].

Die Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursacht hohe Kosten: Allein der Anteil der Herz-Kreislauf-Medikamente beträgt rund ein Viertel der gesamten Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung. Dazu kommen noch die Ausgaben für Diagnostik und Behandlung sowie die Aufwendungen für die Rehabilitation der Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten nach Klinikentlassung [ 11 ].

Allergien

Allergien stellen ein weltweites Gesundheitsproblem dar: Etwa 20-30 Prozent aller Kinder in Europa haben eine allergische Erkrankung, mit offensichtlich steigender Tendenz. Allergien bleiben auch über die Säuglingszeit und Kindheit hinaus ein Problem: Schätzungsweise 50 Prozent aller Kinder mit allergischem Asthma und 80 Prozent mit allergischem Schnupfen haben noch als Erwachsene diese allergischen Symptome. Persistierende Symptome werden auch für die atopische Dermatitis im Kindesalter bei 25-50 Prozent der Erkrankten mit 16 Jahren beobachtet [ 12 ].

Eine Allergie verläuft glücklicherweise selten tödlich; trotzdem kann ein früher Ausbruch Wachstum und Entwicklung eines Säuglings im ersten Lebensjahr negativ beeinflussen [ 13 ]. Dazu kommt, dass das Leben von allergieerkrankten Kindern und das ihrer gesamten Familien oftmals schwer belastet wird.

Obwohl Allergien eine klare genetische Basis haben, spielen ebenso Umweltfaktoren, einschließlich der frühen Ernährung des Säuglings, eine Schlüsselrolle in ihrer Entstehung. Neuste Forschungsergebnisse zeigen, dass insbesondere auch die Zusammensetzung der Darmflora in Verbindung mit einem ausgeglichenen Immunsystem hier eine entscheidende Rolle spielt.

Spezifische Präventionsmaßnahmen sind heute verfügbar, um die Inzidenz der atopischen Erkrankungen – allen voran die atopische Dermatitis – im Kindesalter zu reduzieren oder zumindest in ihrem Ausbruch zu verzögern. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die frühe Sensibilisierung des Säuglings durch Nahrungsmittelallergene zu verhindern – insbesondere bei Säuglingen mit einem hohen Allergierisiko. Denn Nahrungsmittelallergene stellen den größten Anteil an natürlich vorkommenden Allergenen im Säuglingsalter dar.

Quellen
  1. who.int (http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs311/en/; 2014)
  2. www.euro.who.int (http://www.euro.who.int/en/health-topics/noncommunicable-diseases/obesity; 2014)
  3. Kromeyer-Hauschild, K., Wabitsch, M., Geller, F., Ziegler, A., HC, G., V, H., Jaeger, U., Johnsen, D., Kiess, W., Korte, W., Kunze, D., Menner, K., Müller, M., Niemann-Pilatus, A., Remer, T., Schaefer, F., Wittchen, H., Hebebrand, J. Perzentile für den Body Mass Index für das Kindes- und Jugendalter unter Heranziehung verschiedener deutscher Stichproben. Monatsschr Kinderheilkd 2001;149:807-18
  4. Mensink, G., Schienkiewitz, A., Scheidt-Nave, C. Übergewicht und Adipositas in Deutschland: Werden wir immer dicker? DEGS-Symposium 2012
  5. Mensink, G., Kleiser, C., Richter, A. Lebensmittelverzehr bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS). Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 2007;50:609-23
  6. Kurth, , BM, , Schaffrath-Rosario, A. Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 2010;53:643-52
  7. www.project-earlynutrition.eu (http://www.project-earlynutrition.eu; 2014)
  8. www.diabetesde.org (http://www.diabetesde.org; 2014)
  9. Eurostat-Jahrbuch, Europa in Zahlen. www.destatis.de 2006-07; (Zugriff am 30.1.2014)
  10. Bundesamt, S. Todesursachen in Deutschland. www.destatis.de 2010; (Zugriff am 30.1.2014)
  11. www.bmbf.de (http://www.bmbf.de/de/1135.php; 2014)
  12. Osborn, D., Sinn, J. Formulas containing hydrolysed protein for prevention of allergy and food intolerance in infants. Cochrane Database Syst Rev 2006;Oct 18:CD003664
  13. Agostoni, C., Grandi, F., Scaglioni, S., Giannì, M., Torcoletti, M., Radaelli, G., Fiocchi, A., Riva, E. Growth pattern of breastfed and nonbreastfed infants with atopic dermatitis in the first year of life. Pediatrics 2000;106:E73

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