Mutter stillt Baby

Frühkindliche Prägung: Die Macht der Programmierung


Das Kind sollte möglichst vier bis sechs Monate ausschließlich gestillt werden, heißt es in vielen Ratgebern. In einer anderen Zeitschrift steht, das Kind sollte möglichst früh, nach dem vollendeten 4. Lebensmonat, Beikost erhalten, um das Allergierisiko zu senken. Unter dem Trend-Begriff „Frühkindliche Prägung“ wird vieles von so vielen empfohlen, was in Bezug auf die Ernährung zu tun ist während der Schwangerschaft und in den ersten Lebensmonaten, um dem Kind die ideale, teilweise lebenslang wirkende Prävention zukommen zu lassen. Nicht selten wenden sich Eltern hilfesuchend an die Ärzte: Welche Ratschläge sollten befolgt werden, welche nicht? Worauf kommt es an? 

Ernährung im ersten Lebensjahr ist prägend

In jüngster Zeit mehren sich die Forschungsergebnisse, dass die frühe Ernährung langfristige Auswirkungen auf Gesundheit und Leistungsfähigkeit im Erwachsenenalter hat und man von einer Art frühen metabolischen Programmierung der lebenslangen Gesundheit sprechen kann.¹ Für eine Reihe von Präventions-Maßnahmen können anhand der Studienlage klare Empfehlungen ausgesprochen werden.

Stillen reduziert nachweislich das Risiko für spätere Erkrankungen

So gilt ausschließliches Stillen in den ersten vier bis sechs Lebensmonaten tatsächlich als optimal, Beikost sollte frühestens mit Beginn des 5. und spätestens mit Beginn des 7. Lebensmonats eingeführt werden. Denn „eine verzögerte Einführung von Beikost zur Vermeidung von Allergien wird nicht empfohlen“, schreiben die Autoren der Übersichtsarbeit „Stillen und Beikost“, die am 24. Juni im Deutschen Ärzteblatt erschienen ist. 2 Die grundsätzlich positiven Effekte des Stillens – auch weit über den 7. Lebensmonat hinaus – konnten in jüngster Zeit mehrfach bestätigt werden. Denn Stillen reduziert das Risiko für spätere Erkrankungen wie Asthma Bronchiale (-27 bis -30 Prozent)2, 3, atopische Dermatitis (-32 Prozent)2,4 und Adipositas (-12 Prozent)2,5. Eine Auswahl weiterer positiver Effekte des Stillens: leicht besseres Abschneiden in IQ-Tests als Jugendliche und Erwachsene (3,8 Punkte bei 30-Jährigen) 6, ein geringeres Risiko für den plötzlichen Kindstod, für Typ 1 und Typ 2-Diabetes und für Gastroenteritis 7.

Die Proteinaufnahme in den ersten Lebensmonaten könnte eine Art metabolische Programmierung bewirken

Weitere gesicherte Empfehlungen: Handelsübliche Kuhmilch sollte im ersten Lebensjahr nicht getrunken werden. Die Beikost sollte Eisen aus Fleisch sowie ein- bis zweimal wöchentlich Fisch enthalten.2 Ein Überblick mit aktuellen Empfehlungen für die Ernährung Schwangerer und Neugeborener, aufbereitet für Ärzte und Fachpersonal, findet sich unter http://www.gesund-ins-leben.de/fuer-fachkraefte/handlungsempfehlungen/.

Besonders in den Fokus gerückt ist in jüngster Zeit die sogenannte „Early Protein Hypothesis“. Sie besagt, dass die Menge der Proteinaufnahme in den ersten Lebensmonaten eine Art metabolische Programmierung bewirkt. 8 Tatsächlich gilt als einer der wichtigsten prognostischen Faktoren für Adipositas im Jugend- und Erwachsenenalter eine frühe überdurchschnittliche Gewichtszunahme. 9 Wie sich die verhindern lässt? „Eine Verringerung der Proteinzufuhr auch bei Muttermilchersatznahrung kann das Risiko verringern, später übergewichtig zu werden“, schreiben die Autoren eines Reviews zum Thema, das im Dezember 2015 im Fachmagazin Nutrition and Metabolic Insights veröffentlicht wurde.8 Die „Frühkindliche Prägung“ ist also durchaus real und vieles deutet darauf hin, dass sie in manchen Aspekten das ganze Leben beeinflusst – Panik und übereilter Aktionismus sind aber fehl am Platz, Handlungsempfehlungen sollten sich an der Studienlage orientieren.

Quellen
  1. Koletzko B, et al. (2014) The Power of Programming and the EarlyNutrition project: opportunities for health promotion by nutrition during the first thousand days of life and beyond. Ann Nutr Metab 64(3-4):187-96.
  2. Prell C, Koletzko B (2016) Stillen und Beikost. Empfehlungen für die Säuglingsernährung. Dtsch Arztebl 113(25).
  3. Gdalevich M, Mimouni D, Mimouni M (2001) Breast-feeding and the risk of bronchial asthma in childhood: A systematic review with meta-analysis of prospective studies. J Pediatr 139:261-6.
  4. Gdalevich M, et al. (2001) Breast-feeding and the onset of atopic dermatitis in childhood: a systematic review and meta-analysis of prospective studies. J Am Acad Dermatol 45(4):520-7.
  5. Horta BL, Victora CG. World Health Organization (2013) Long-term effects of breastfeeding. A systematic review.
  6. Victora CG, et al. (2015) Association between breastfeeding and intelligence, educational attainment, and income at 30 years of age: a prospective birth cohort study from Brazil. Lancet 3:e199-205.
  7. Ip S, et al. (2009) A Summary of the Agency for Healthcare Research and Quality’s Evidence Report on Breastfeeding in Developed Countries. Breastfeed Med 4(s1):17-30.
  8. Luque V, et al. (2016) Early Programming by Protein Intake: The Effect of Protein on Adiposity Development and the Growth and Functionality of Vital Organs. Nutr Metab Insights 8(Suppl 1):49-56.
  9. Weng SF, et al. (2012) Systematic review and meta-analyses of risk factors for childhood overweight identifiable during infancy. Arch Dis Child 97(12):1019-26.    

Das könnte Sie auch interessieren