Baby isst aus Schüssel

Baby Led Weaning - vorbei mit dem Brei?


„Baby Led Weaning“ – schon der Begriff ist missverständlich. Was zu Deutsch „Baby-gesteuertes Abstillen“ bedeutet, sollte so keinesfalls wörtlich genommen werden. Denn bei dem relativ neuen Ernährungstrend geht es nicht ums Abstillen selbst, sondern um die Art und Weise der Beikosteinführung. Bisher galt: Ab Beginn des fünften Lebensmonats zunächst der Gemüse-, Kartoffel-, Fleisch-Brei, nach und nach ergänzt durch weitere Lebensmittel wie z.B. Obst, begleitet vom Stillen, solange Mutter und Kind es wünschen.1    

Selbst isst der Säugling?

Beim „Baby Led Weaning“ wird mit diesen Empfehlungen gebrochen. Stattdessen soll der Säugling ab dem sechsten Lebensmonat selbst entscheiden, was er essen möchte. Mit sechs Monaten seien die meisten Kinder laut Deutschem Hebammen Verband (DHV) durchaus in der Lage, ihr Essen selbst auszuwählen und zum Mund zu führen – kurzum: selbstständig zu essen. Der DHV spricht dabei von „Beikost nach Bedarf“ und gibt Eltern sowie Hebammen Ratschläge an die Hand, wann der Säugling bereit dafür ist:2    

  • Deutliches Interesse am Essen der Eltern, zum Beispiel durch Greifen
  • Die Nahrung kann selbst ergriffen und zum Mund geführt werden
  • Das Sitzen ist mit nur wenig Unterstützung möglich
  • Der Zungenstreckreflex ist verschwunden oder kaum noch vorhanden
  • Die Bereitschaft zum Kauen ist vorhanden
  • Das Essen wird bei Sättigung verweigert

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, stehe der Beikost nach Bedarf nichts im Wege. Der DHV hebt zudem die positiven Auswirkungen des Konzeptes hervor: Das selbstständige Ausprobieren und Kennenlernen lege die Grundlage für eine gesunde Ernährung, beuge Übergewicht vor und senke das Verlangen nach Süßigkeiten. Auch für die Hand-Mund-Auge-Koordination könnte das Konzept förderlich sein. Der DHV rät zudem: Gelassen bleiben und nicht drängen, wenn das Baby mal nichts oder wenig isst.

Eisenversorgung und Allergieprävention können auf der Strecke bleiben

Hier setzen der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V. (BVKJ) und die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) an.1 3 Sie sehen die Gefahr einer unzureichenden Nährstoffversorgung durch zu geringe Nahrungsaufnahme durch den Säugling. Eine Studie des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE) stützt diese Annahme.4 Dort kommen die Autoren zu einem klaren Fazit: Beim Konzept des Baby Led Weanings bleibe der Beikostanteil bei vielen Kindern bis weit in das zweite Lebenshalbjahr gering, mit negativen Auswirkungen etwa auf die Allergie- und Zöliakieprävention. Weil Säuglinge so häufig weniger verzehrten, sei der Beitrag zur Energiezufuhr zudem gering – insbesondere im zweiten Lebenshalbjahr, wenn die Versorgung durch Muttermilch allein nicht mehr vollständig ausreicht. Vor allem die ausreichende Versorgung mit Eisen bleibe auf der Strecke. Auch änderten Eltern ihre eigenen Ernährungsgewohnheiten meist nicht so, dass das Kind durch „mitessen“ ein auf seine Bedürfnisse abgestimmtes Nahrungsmittelangebot vorfindet. Das FKE empfiehlt daher weiterhin die kalkulierbare und sichere Fütterung mit Brei und Löffel.

Welches Konzept sich letztlich durchsetzen wird, ist unklar. Insbesondere zum Baby Led Weaning liegen bisher nur begrenzt fundierte Daten vor, die eine Beurteilung der Ernährungsform erlauben. Eine Kombination der bewährten Breimahlzeiten und Fingerfood scheint laut BVKJ ein guter Mittelweg zu sein, um sowohl die optimale Versorgung des Säuglings sicherzustellen als auch das Erlebnis des selbstständigen Essens zu ermöglichen.    

Quellen

1. Bührer C, et al. (2014) Ernährung gesunder Säuglinge – Empfehlungen der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Monatsschr Kinderheilkd  6:527–538.

2. Redeker S. (2015) Beikost nach Bedarf – Säuglingsernährung. Deutscher Hebammenverband e.V.

3. Kinder- und Jugendärzte im Netz. (2017) Kinder-und Jugendärzte: Baby-led Weaning kann schaden! Pressemitteilung unter: https://www.kinderaerzte-im-netz.de/news-archiv/meldung/article/kinder-und-jugendaerzte-baby-led-weaning-kann-schaden/ (abgerufen am 27.02.2018)

4. Hilbig A, et al. (2014) Beikost in Form von Breimahlzeiten oder

Fingerfood. Monatsschr Kinderheilkd 162:616–622.    

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