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Kann Eisenmangel langfristige Auswirkungen auf Verhalten und Psyche haben?


Eisenmangel ist die häufigste Mangelerkrankung weltweit.1 Die Auswirkungen sind vielfältig und reichen von A wie Alopezie bis Z wie Zungenbrennen. Bei Schwangeren, Säuglingen und Kleinkindern und später auch bei Jugendlichen ist der Bedarf besonders hoch. Wachstum, Entwicklung und Blutbildung verlangen große Mengen des Übergangsmetalls.

Eine aktuelle Studie zeigt nun: Eisenmangel bei Säuglingen kann möglicherweise langanhaltende Folgen bis ins Jugendalter hinein haben und ist bei einigen Betroffenen mit sozialen und psychologischen Auffälligkeiten assoziiert.2

Um die Langzeiteffekte von Eisenmangel oder Eisenmangelanämie auf soziales Verhalten und Psyche der Heranwachsenden zu untersuchen, begleiteten die Wissenschaftler um Jenalee Doom 1.657 zwischen 1991 und 1996 geborene Säuglinge und ihre Eltern vom ersten Lebensjahr bis ins Jugendalter. 1.123 von ihnen erhielten eine Eisensupplementation, 534 erhielten kein zusätzliches Eisen zu ihrem Muttermilchersatzpräparat (oder Kuhmilch).

Nach einem zehnjährigen Follow-Up füllten Kinder und Eltern Fragebögen zu internalisierendem, externalisierendem und sozialem Verhalten aus. Mit Hilfe des Youth Self Reports (YSR) schätzten sich die Kinder selbst ein, über die Child Behavior Checklist (CBCL) beurteilten dagegen die Eltern das Verhalten ihrer Kinder.    

Anzeichen von Angst, Aggression und ADHS: Stärker ausgeprägt bei Mangel und Anämie

Nach Auswertung der durch die Eltern ausgefüllten CBCL-Reporte zeigten sich signifikante Unterschiede zwischen Kindern mit einem Eisenmangel oder Eisenmangelanämie zwischen dem 12. und 18. Lebensmonat und Kindern ohne Eisenmangel. Symptome von sozialem Problemverhalten, posttraumatischen Belastungsstörungen, ADHS, oppositionellem Trotzverhalten, Aggressionen und regelbrechendem Verhalten traten nach Beobachtung der Eltern in erheblich höherer Intensität bei Kindern auf, die unter Eisenmangel oder Eisenmangelanämie litten. Dabei spielte es keine Rolle, ob lediglich ein Mangel oder eine Anämie vorlag – laut Autoren besorgniserregend, da ein Mangel allein üblicherweise selten festgestellt und behandelt wird.

Die von Eisenmangel und Eisenmangelanämie betroffenen Kinder berichteten dagegen lediglich von signifikant stärkeren Anzeichen sozialen Problemverhaltens und Ängstlichkeit – also im Wesentlichen internalisierenden Verhaltensproblemen.

Die Diskrepanz erklären sich die Autoren damit, dass Eltern möglicherweise eher in der Lage sind, das externalisierende Verhalten ihrer Kinder zu beurteilen, während die Kinder ihre innere Gefühlslage selbst besser einschätzen können.

Die Ergebnisse sind dabei nicht als gesicherte Diagnosen zu verstehen. Sie geben lediglich Hinweise auf die Ausprägung bestimmter Anzeichen für die abgefragten psychischen Erkrankungen und beruhen ausschließlich auf den Einschätzungen der befragten Eltern und Kinder.

Kinder, die Eisensupplemente erhielten, zeigten nach Auswertung der CBCL weniger auffälliges Verhalten als Kinder ohne Eisenzusatz. Viele andere Domänen des CBCL veränderten sich durch die zusätzliche Gabe von Eisen allerdings nicht signifikant.

Hypothesen, aber noch keine zweifelsfreie Erklärung

Eisenmangel in der frühen Kindheit könnte damit die soziale, emotionale Entwicklung bis ins Jugendalter hinein beeinflussen. Ein Erklärungsansatz könnten dadurch verursachte Veränderungen bei der Synthese und Funktion verschiedener Neurotransmitter, insbesondere der Monoamine, sein. Möglicherweise beeinflusst der Mangel zudem in kritischen Phasen der Gehirnentwicklung dessen langfristige Umstrukturierung negativ. Die funktionale Isolationshypothese geht indessen davon aus, dass Säuglinge mit Eisenmangel vermehrt vorsichtiges, argwöhnisches Verhalten gegenüber ihren Bezugspersonen zeigen. Im Gegenzug erhalten sie weniger entwicklungsförderliche Interaktionen. Bislang ist unklar, wie der vermutete kausale Zusammenhang zwischen Eisenmangel und den beobachteten sozioemotionalen und Verhaltensproblemen ist. Möglicherweise tragen multiple Faktoren zu den beobachteten Ergebnissen bei. Externe, nicht in der Studie beobachtete Faktoren, etwa andere (Mangel-) Erkrankungen, prä- oder postnatale Stressoren und Umwelteinflüsse könnten ebenfalls Einfluss auf die beobachteten Ergebnisse genommen haben.

Quellen
  1. Zainel, AJAL., Osman, SRO., Al-Kohji, SMS., Selim, NA. Iron deficiency, its epidemiological features and feeding practices among infants aged 12 months in Qatar: a cross-sectional study. BMJ Open. 2018;8:e020271.
  2. Doom, J.R., Richards, B., Caballero, G., Delva, J., Gahagan, S., Lozoff, B. Infant Iron Deficiency and Iron Supplementation Predict Adolescent Internalizing, Externalizing, and Social Problems. J Pediatr. 2018;195:199-205.

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