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Haben Migration und Akkulturation einen Einfluss auf das Stillverhalten?


In den letzten 20 bis 30 Jahren haben wir uns zu einer Einwanderungsgesellschaft entwickelt. Beispielsweise hat in Deutschland bereits jede vierte Frau im reproduktionsfähigen Alter einen Migrationshintergrund. Dr. Silke Brenne, Gesundheitswissenschaftlerin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeinmedizin an der Otto-von-Guericke- Universität Magdeburg, widmete sich in diesem Zusammenhang der Frage, ob migrations- bzw. akkulturationsbedingte Aspekte das Stillverhalten beeinflussen.

 

Frau Dr. Brenne, was haben Sie genau untersucht?

Unter der Leitung von Prof. Dr. Matthias David und Prof. Dr. Theda Borde haben wir im Rahmen einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Studie Frauen in drei großen Berliner Geburtskliniken zu ihrem Stillverhalten befragt. Dafür wählten wir drei Erhebungszeitpunkte: bei Kreißsaalaufnahme, im Wochenbett und sechs Monate nach der Entbindung. Dabei haben wir mit standardisierten Fragebögen unter anderem Migrationsfaktoren ermittelt, wie beispielsweise Migrationsstatus, Akkulturationsgrad – also der Grad der Orientierung an der Aufnahmekultur – Herkunftsland, Aufenthaltsdauer, deutsche Sprachkenntnisse sowie Muttersprache. 

 

Wie viele Frauen konnten Sie erreichen?

Insgesamt haben wir 7.100 Frauen im Kreißsaal interviewt, 6.884 im Wochenbett und in einer Klinik ein Teilkollektiv von 605 nach sechs Monaten per Telefon. Von allen Frauen hatten 58 Prozent einen Migrationshintergrund (MH). Bei ihnen haben wir untersucht, ob der MH und akkulturationsbezogene Aspekte einen Einfluss auf das Stillverhalten haben.

 

Was haben Sie herausgefunden?

Im ersten Schritt konnten wir Ergebnisse anderer Studien zum Einfluss des MH auf das Stillverhalten bestätigen. Auch in unserer Studie hatten mehr Frauen mit MH mit dem Stillen begonnen als Frauen ohne MH. Anders sah es beim Abstillen aus. Hier zeigte der Migrationsstatus – nach Adjustierung um mehrere Einflussfaktoren – keinen Effekt. Vielmehr erhöhten weitere Faktoren – wie ein niedriger Schulabschluss oder Rauchen in der Schwangerschaft – die Wahrscheinlichkeit, innerhalb von sechs Monaten abzustillen.

 

Und welchen Einfluss hatte der Grad der Akkulturation?

Andere internationale Studien zeigten bereits, dass ein höherer Akkulturationsgrad einen negativen Einfluss auf das Stillverhalten haben kann. In unserer Studie hatten zwar akkulturationsbedingte Unterschiede keinen Einfluss auf den Stillbeginn, dagegen war die Chance bei Frauen mit mittlerem und höherem Akkulturationsgrad, eine Stillzeit von mehr als vier Monaten zu planen, fast nur halb so groß wie bei weniger akkulturierten Frauen. Ebenso stillten mehr höher akkulturierte Frauen innerhalb der ersten sechs Monate nach der Geburt ab als weniger akkulturierte Frauen: Hier stieg das Risiko um mehr als das Doppelte.


Wie erklären Sie sich diese Ergebnisse?

In der Literatur wird das sog. Latina paradox beschrieben, welches veranschaulicht, dass Migrantinnen aus Lateinamerika in den USA – trotz ungünstige- rer sozioökonomischer Bedingungen – erstaunlicherweise gesünder sind als Nicht-Migrantinnen. Möglicherweise haben Migranten untereinander durch soziale Netzwerke eine bessere soziale Unterstützung als die Mehrheitsbevölkerung, was sich auch auf das Stillverhalten auswirken könnte.


Was raten Sie für die tägliche Praxis?

Es ist gut zu wissen, dass Migration und Akkulturation das Stillverhalten beeinflussen können. Deshalb sollten sie bei der Stillberatung und -forschung mit berücksichtigt werden. Konkret könnte man beispielsweise Stillförderprogramme initiieren, bei denen Frauen mit MH als Stillberaterinnen ausgebildet werden und als Lotsinnen in der Migratinnencommunity tätig werden, um ein verfrühtes Abstillen zu vermeiden. Da wird die Forschung aber sicher noch weitergehen.