Erschöpfte Mutter am Fenster

Mitgefühl für schlaflose Eltern

Warum der Babyschlaf für Eltern ein so zentrales Thema ist


Hebammen kennen die Situation. Diesen Stoßseufzer der Verzweiflung bei frischgebackenen Eltern: „Die Nächte machen mich fertig!“ Im Experten Beitrag präsentiert Britt Bürgel, Diplom-Psychologin und Mama-Couch, ihre Gedanken, Erfahrungen und aktuelle Erkenntnisse von Fortbildungen rund um das Thema Babyschlaf. 

 

Liebe Hebammen,

wahrscheinlich kennt ihn jede von Ihnen, die mit frischgebackenen Eltern zu tun hat: diesen Stoßseufzer der Verzweiflung: „Die Nächte machen mich fertig!“ - oft in Verbindung mit dem Satz „Du musst mir helfen!“

Schlafentzug ist grausam, soviel steht fest. Der Anblick des eigenen süßen Babys nachts um drei stellt dabei für Mama und Papa nur einen schwachen Trost dar.  Auch das wissen alle, die selbst Kinder haben und sich beruflich mit der Begleitung von Eltern im Wochenbett und der Zeit danach befassen. Dass dieser Zustand meist nur eine Phase ist, die sich irgendwann von selbst erledigen wird, ist uns als professionellen Helfern bewusst.

Erst-Eltern helfen unsere Erkenntnisse allerdings kaum weiter. Das Gefühl von Hilflosigkeit und Verzweiflung, gepaart mit den hormonellen Turbulenzen der postpartalen Phase, lässt den Verstand einknicken. Zeitliche Vorstellungen kommen nicht mehr über die nächsten 24 Stunden hinaus – wie soll da ein gut gemeintes „Später wird es wieder besser“ hilfreich sein?

Wer auch immer mit den Eltern in dieser ersten beanspruchenden Zeit in Kontakt kommt – Sie als  Hebammen, der Kinderarzt, die Stillberaterin, aber auch die Großeltern, die Freunde und Verwandten der Familie – wird mit dem Thema Schlaf konfrontiert. Dabei hat das Gefühl der Hilflosigkeit und Verzweiflung der Eltern verschiedene Gesichter: Am ehesten sichtbar wird es, wenn (in der Regel bei der Mama) Tränen fließen, wenn ein „Ich kann nicht mehr!“ laut ausgesprochen wird. Manchmal versteckt sich das Gefühl der Ohnmacht aber auch hinter einem fordernd-aggressiven Auftreten: „Du MUSST mir sagen, was ich tun kann, damit mein Baby endlich durchschläft!“ Gut gemeinte Ratschläge werden dann häufig beinahe ärgerlich abgewehrt: „Wir haben schon alles versucht! Nichts hilft!“

Das allgegenwärtige Thema (Baby)Schlaf


Empathie und Mit-Fühlen als Schlüssel zum Erfolg


Die Empathie und das Mit-Fühlen sind also Grundvoraussetzung für die Hilfe, die ich leisten kann – und gleichzeitig auch Risiko und Warnhinweis für mich als Helferin: Wenn ich zu sehr in den gleichen Modus gehe wie die Mutter, gerate ich in Gefahr, ihre Erwartungshaltung unreflektiert zu übernehmen. Wenn die Not der Mutter, ihr dringlicher Wunsch nach einer Lösung der nächtlichen Schlafthematik zu meinem eigenen Thema wird, gerate ich selbst in eine Notlage: Ich MUSS eine Lösung liefern – und zwar pronto!

Jeder, der schon einmal in diese Falle getappt ist, weiß, wie kompliziert es dann weitergehen kann: Die gelieferten Ideen und Hinweise erreichen die Mutter nicht, sondern können im schlimmsten Fall eine tiefe Kluft zwischen ihr und die Helferin reißen. Beide fühlen sich unverstanden: Die Mutter, weil der Kern ihres Problems nicht erkannt und angesprochen worden ist. Und die Helferin, die sich in ihren Bemühungen nicht bestätigt und anerkannt fühlt, die mit dem Gefühl eigener Hilflosigkeit zurückbleibt und sich vielleicht die Frage stellt, ob diese Mutter möglicherweise von Natur aus undankbar und an einer Lösung ihres Problems nicht wirklich interessiert ist.

Auch ich kenne diese Momente von aufkommender Hilflosigkeit im Kontakt mit Kundinnen aus meiner Beratungspraxis. Supervision und kollegialer Austausch mit Kolleginnen sind da schon mal eine gute Idee. Hilfsmittel, mit denen ich in meiner täglichen Arbeit immer wieder zur inneren Mitte, zu meinem eigenen Vertrauen in eine mögliche Lösung der Situation finden kann, habe ich glücklicherweise auch zur Hand. Die bewusste Atmung gehört dazu, der Body-Scan aus der Achtsamkeitspraxis ebenso. An hektischen Tagen weniger Kaffee trinken ist für mich ebenfalls zu einer Maßnahme geworden, die ich mal mehr, mal weniger bewusst umsetze. Finden Sie auch für sich die Möglichkeit im Alltag Inseln der inneren Ruhe zu schaffen. Aus dieser Ruhe und Kraft heraus können Sie Ihre Klientinnen am besten unterstützen!

Ihre Britt Bürgel

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