Baby wird gefüttert

Vom Verdacht zur Diagnose: Nahrungsmittelunverträglichkeiten sollten ärztlich bestätigt werden


Sie tun es in bester Absicht: Immer mehr Eltern halten ihren Kindern bestimmte Nahrungsmittel und Nahrungsbestandteile vor, weil sie glauben, ihr Kind vertrage sie nicht.

Die genaue Prävalenz von Nahrungsmittelallergien ist ungeklärt, in der Literatur liegen die Angaben zwischen 2 und 6 Prozent.¹ Demgegenüber steht die deutlich höhere Zahl der Kinder, deren Ernährung von den Eltern eingeschränkt wird. In einer in diesem Jahr veröffentlichten Studie2 haben die Autoren um Yuki Okada von der allgemeinpädiatrischen Abteilung des Tokyo Metropolitan Children's Medical Center in Japan 376 Kinder und ihr Ernährungsverhalten sowie bei einem Teil der Kinder ihren tatsächlichen Allergiestatus untersucht.   

Nicht indizierte Ernährungseinschränkungen bei jedem zweiten Kind?

Das Ergebnis der Autoren: „Die Einschränkung der Ernährung war nicht länger nötig bei 55 Prozent der Kinder.“ Mit anderen Worten: Bei einem Großteil der Kinder gab es Einschränkungen bei der Ernährung, ohne dass es eine medizinische Indikation gab.

Die Wissenschaftler erfassten auch die Lebensmittel, die vermieden wurden. Bei den Kindern unter 6 Jahren waren das unter anderem Lebensmittel aus dem Meer, insbesondere Shrimps, Krabben und Fischeier, aber auch Eier und Milch – also Lebensmittel, die durchaus von Bedeutung sind für eine vollwertige Ernährung von Kindern.

Das zugrundeliegende Problem: Offenbar werden viele Nahrungsmittelallergien nicht medizinisch verifiziert, sondern die Diagnosen unter anderem von den Eltern anhand dessen gestellt, wie sich ihr Kind verhält. Dabei kann es durchaus sein, dass vorübergehende Nahrungsmittelunverträglichkeiten als Nahrungsmittelallergie interpretiert werden. Das durch die Eltern dann initiierte Vermeidungsverhalten kann suboptimal sein, wird aktuellen Handlungsempfehlungen zufolge doch bei einer nichtallergischen Nahrungsmittelunverträglichkeit, zum Beispiel einer Laktoseintoleranz, eine gewisse, individuell unterschiedliche Menge des betreffenden Lebensmittelinhaltsstoffes toleriert. 3

Nahrungsmittelunverträglichkeit und -allergien ärztlich bestätigen lassen

„Der Verdacht auf eine Nahrungsmittelunverträglichkeit allein rechtfertigt keinen längerfristigen Ausschluss von Nahrungsmitteln aus der Ernährung. Dieser kann Kinder erheblich belasten und ihrer Gesundheit schaden und soll nur auf Grundlage einer gesicherten ärztlichen Diagnose erfolgen“3, schreibt auch die Expertenkommission hinter dem Portal gesund-ins-leben.de – dabei betont man auch, dass zum Beispiel eine diätische Behandlung bei Neurodermitis nur bei nachgewiesener Unverträglichkeit von Nahrungsmitteln gerechtfertigt sei.3

Oft nur vorübergehend: Vieles „verwächst sich“ bis zum Schulalter

Und auch wenn eine Nahrungsmittelunverträglichkeit oder –allergie diagnostiziert wurde, sollten regelmäßige Kontrollen durchgeführt werden, um den Verlauf zu beobachten. Denn eine Vielzahl der Allergien im Kindesalter sind nicht dauerhaft.4 Viele Nahrungsmittelallergien verlieren sich bis zum Schulalter.4 So weisen von allen Kindern, bei denen im Säuglings- und Kleinkindalter eine Kuhmilchallergie vorlag – das sind etwa 2-3 Prozent aller Kinder3 – bereits im Alter von zwei Jahren etwa 75 Prozent eine Toleranz auf, bis zum Schulalter sind dies 90 Prozent.5 Bei der Hühnereiallergie entwickeln bis zu 70 Prozent zum Schulalter Toleranz.1

Quellen
  1. Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin e.V. (2012) Pädiatrische Allergologie in Klinik und Praxis, 15. Jg./Sonderheft Nahrungsmittelallergie, überarbeitete Neuauflage.
  2. Okada Y, et al. (2017) Accurate Determination of Childhood Food Allergy Prevalecence and Correction of Unnecessary Avoidance.Allergy Asthma Immul Res 9(4):322-328.
  3. Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft: „Allergische und nichtallergische Nahrungsmittelunverträglichkeiten“, unter: https://www.gesund-ins- leben.de/fuer-fachkraefte/handlungsempfehlungen/kleinkinder/allergische-und- nichtallergische-nahrungsmittelunvertraeglichkeiten/ (abgerufen am 22.11.2017).
  4. Augustin M, et al. (2010) Weißbuch Allergie in Deutschland. Springer Medizin © Urban & Vogel GmbH, München, 3. Auflage.
  5. Koletzko S, et al. (2009) Vorgehen bei Säuglingen mit Verdacht auf Kuhmilchproteinallergie.MonatsschrKinderheilkd157(7):687-691.

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