Baby leidet an Reflux

Gastro-ösophageale Refluxkrankheit beim Säugling – erheblich überdiagnostiziert?


Aufstoßen, Spucken, Erbrechen – im ersten Lebensjahr gehört das für viele Säuglinge und ihre Eltern zur täglichen Routine. Neben dem Aufstoßen selbst, wachen die Säuglinge häufig auf, weinen spontan oder dauerhaft, sind erregt und leicht reizbar.Für Eltern und Kind kann diese Situation schnell zur Belastungsprobe werden. Die Abgrenzung zwischen Reflux und einer sehr viel selteneren Refluxerkrankung (gastro-ösophageale Refluxkrankheit; GÖRK), ist allerdings schwierig. Bei letzterer kann es zu zum Teil schwerwiegenden Folgen kommen wie etwa Schmerzen, Lungenentzündungen, Atemnot, Gewichtsverlust und Wachstumsverzögerungen.2    

Die physiologischen Hintergründe und Ursachen werden seit Jahren untersucht und diskutiert. Dazu gehören eine verzögerte Magenentleerung, transiente Entspannung des Sphinkters am Mageneingang, zu hohe Nahrungsvolumina im Vergleich zu älteren Kindern und Erwachsenen sowie ein höherer Druck innerhalb der Bauchhöhle.3

Multiple Faktoren mit GÖRK-Diagnose assoziiert

Eine aktuelle australische Studie ging der Sache auf den Grund und untersuchte, welche Risikofaktoren mit der Diagnose „GÖRK“ assoziiert sind.3 Die Autoren identifizierten dabei gleich mehrere Faktoren, darunter:

  • Geburt vor der 37. Schwangerschaftswoche
  • Geburt zwischen der 37. und 38. Schwangerschaftswoche
  • Intubation oder Reanimation des Säuglings
  • Geburtsgewicht unterhalb der 3. Perzentile
  • Mehrlingsgeburt, Kaiserschnitt

Bei den mit dem Kind selbst verbundenen Faktoren sind laut Autoren physiologische Ursachen von besonderer Bedeutung, zum Beispiel die Unreife bei Frühgeborenen oder eine veränderte Darmflora bei Geburten durch Kaiserschnitt.

Überraschenderweise spielen auch mit der Mutter assoziierte Faktoren eine entscheidende Rolle, bei der Diagnose einer GÖRK, etwa: 

  • Erstgebärend
  • Psychische Erkrankung, insbesondere Angsterkrankungen

Psyche der Mutter ist stärkster Prädiktor für Diagnose

Interessant ist, dass Eigenschaften, die allein die Mutter betreffen, mit einem erhöhten Risiko für eine GÖRK-Diagnose verbunden sind. Psychische Beschwerden der Mütter sind über alle Faktoren hinweg sogar der stärkste Einflussfaktor bei der GÖRK-Diagnose. Die Hintergründe sind komplex und wurden von den Autoren in Fokusgruppen mit Medizinern und Pflegekräften diskutiert. Dabei kamen sie unter anderem zu folgenden Ergebnissen:

  • GÖRK ist nach Meinung der Experten zumindest in Australien überdiagnostiziert.
  • Eine Diagnosestellung wird häufig von den Eltern der Kinder beeinflusst.

Die Erklärung von Autoren und Fokusgruppen: Schreit das Baby, ist es erregt, schläft oder trinkt es nicht, neigen Mütter, insbesondere, wenn sie unerfahren sind (erstgebärend) oder ohnehin Ängste oder psychische Grunderkrankungen vorliegen, zu Versagensängsten. Hinzu kann das Gefühl von Hilflosigkeit, etwas falsch zu machen oder nicht bewältigen zu können, kommen. Spüren Babys diese Unsicherheiten, können sich die Probleme noch verstärken. 

Eltern suchen Antworten

Die Autoren schlussfolgern: Eltern wünschen sich häufig eine Diagnose, um das Gefühl zu haben, nicht die alleinige Schuld an der oft stressigen Situation zu tragen. Die Ärzte aus den Fokusgruppen berichten außerdem über Zeitmangel. Oft sei es gar nicht möglich, auf psychische Probleme oder Ängste der Mütter adäquat einzugehen.

In Australien führen diese beiden Umstände laut Autoren dazu, dass GÖRK überdiagnostiziert ist.

Um das zu vermeiden und den Säuglingen nicht indizierte Behandlungen zu ersparen, sollten beim Umgang mit kindlichem Reflux bzw. GÖRK zukünftig möglichst alle Faktoren adressiert werden. Dazu gehören neben den physiologischen (Unreife, Darmflora, Kaiserschnitt) auch maternale Aspekte wie Ängste, psychische Beschwerden und Unerfahrenheit. 

Quellen

1. Machado, R., Woodley, FW., Skaggs, B., Di Lorenzo, C., Splaingard, M., Mousa, H. Gastroesophageal relux causing sleep interruptions in infants. J Pediatr Gasttoenterology Nutr. 2013;56(4):431–5.

2. Hosie, S. Gastro-ösophagealer Reflux im Kindesalter. Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie. März 2015.

3. Dahlen, HG., Foster, JP., Psaila, K., Spence, K., Badawi, N., Fowler, C., Schmied, V., Thornton, C. Gastro-oesophageal reflux: a mixed methods study of infants admitted to hospital in the first 12 months following birth in NSW (2000-2011). BMC Pediatr. 2018;12;18(1):30.    

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