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Stillen – Zwischen Nairobi und Neumünster

„Das Stillen von Babys in der Öffentlichkeit wird zwar mittlerweile [...] von den Strafvorschriften ausgenommen, sollte jedoch zumindest in Restaurants und Bars bzw. in weniger liberalen Gegenden unterlassen werden.“

 

Raten Sie mal, auf welches Land sich diese aktuellen Reisehinweise des Auswärtigen Amtes zum Thema Stillen beziehen? Es sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Um keine Vorurteile aufkommen zu lassen: Nicht nur im „Land of the Free“ ereilen stillende Mütter manchmal schiefe Blicke. Dabei ist Stillen die natürlichste Sache der Welt.

 

Alle Säugetiere – rund 6.000 verschiedene Arten – von der anatolischen Breitflügelfledermaus bis zum Ziesel ernähren ihren Nachwuchs mit Muttermilch. Der große Vorteil daran: Die Muttermilch ist immer und überall verfügbar und liefert genau das, was die Nachkommen brauchen – und wann sie es brauchen. Beim Menschen bedeutet das, dass Babys eben auch manchmal im Restaurant, in der U-Bahn oder im Park gestillt werden müssten. Wie geht man damit in verschiedenen Ländern der Welt um?

Großbritannien – Stillen ist nicht „very british“


Großbritannien hat eine der niedrigsten Stillraten weltweit – nur 34 Prozent der Säuglinge werden nach sechs Monaten noch gestillt und lediglich ein Prozent davon ausschließlich. Eine Umfrage von Public Health England deckt die Hintergründe dazu auf: Sechs von zehn Frauen versuchen im Verborgenen zu stillen, ein Drittel findet es unangenehm  oder fühlt sich sogar beschämt, außerhalb der eigenen vier Wände zu stillen.1 Gleichzeitig befürworten fast drei Viertel (72 Prozent) der Briten öffentliches Stillen – paradox? Nur auf den ersten Blick: Denn die Umfrage zeigt auch, dass fast die Hälfte der Befragten Stillen in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Restaurants unangemessen findet.

Kenia – Überflieger beim Stillen


Im krassen Kontrast dazu steht Kenia. Das ostafrikanische Land ist eines von nur 23 Ländern der Welt, in dem mehr als 60 Prozent der Säuglinge bis zum sechsten Lebensmonat ausschließlich gestillt werden.2 3 In weniger als zehn Jahren hat der Staat das geschafft, was europäische Nationen bislang scheitern lässt: Die Stillraten haben sich fast verdoppelt. Mit verschiedenen Initiativen fördert die kenianische Regierung das Stillen bereits in den Krankenhäusern und in Gemeinschaften vor Ort. Per Gesetz ist das Stillen immer und überall erlaubt.4 Stillenden Müttern steht dazu eine zusätzliche Stunde arbeitsfreie Zeit zu, Arbeitgeber müssen zudem geeignete Räume zum Stillen bereitstellen.

Deutschland – erstmal an die eigene Nase fassen


Und wie sieht es mit dem Stillen bei uns in Deutschland aus? Haben wir hierzulande eher kenianische oder angelsächsische Zustände? In Ermangelung prospektiver, bundesweiter Studien zum Stillverhalten lässt sich dies nur schwer beurteilen. Aus historischen, regionalen und retrospektiven Daten lassen sich zumindest Schätzungen abgeben: Nach sechs Monaten werden etwa 50 Prozent der Kinder noch gestillt, nur zehn Prozent davon ausschließlich. Die Zahlen entsprechen Daten aus den späten 90er Jahren, in denen die letzte systematische Untersuchung zu Stillraten in Deutschland stattfand.5 6 Das Bundesinstitut für Risikobewertung geht davon aus, dass sich das Stillverhalten bis heute nicht erheblich verändert hat.

Beim Stillen der Babys haben die deutschen Mütter also ebenso wie unsere Nachbarn auf der Insel erheblichen Nachholbedarf. „Suboptimales“ Stillen, das bedeutet, dass die Säuglinge nicht ausschließlich bzw. nicht lange genug gestillt werden, führt jedes Jahr auf der ganzen Welt zu über 800 000 Todesfällen.3 Um die Stillraten rund um die Welt zu erhöhen und vor allem die Kinder bestmöglich zu ernähren, gehört eine Kultur, die das Stillen in der Öffentlichkeit als das annimmt, was es ist: Natürlich, selbstverständlich und vor allem nicht anstößig.

Denn: Stillen ist die beste Form der Ernährung für gesunde Säuglinge. Muttermilch ist immer und überall verfügbar, praktisch, hygienisch und gesundheitsfördernd – für Mutter und Kind. Die Entscheidung, ob, wie und wie lange gestillt wird, sollten Mutter und Kind gemeinsam treffen. Betretene Blicke oder das (falsche) Schamgefühl anderer im Café oder der U-Bahn sollten dabei keine Rolle spielen.

Ein kleiner Nachtrag zu dem USA-Reisehinweis: In den Vereinigten Staaten stillen fast 20 Prozent der Frauen bis zum sechsten Monat ihre Säuglinge ausschließlich – das sind doppelt so viele wie in der Bundesrepublik.7 

Quellen
  1.  Siddique H. Third of women feel embarrassed breastfeeding in public, survey finds. The Guardian. (2015).(https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2015/nov/02/third-of-women-feel-embarrassed-breastfeedingin-public-survey-finds; abgerufen am 26.10.2018)
  2. UNICEF. Breastfeeding – a smart investment. (2018) (https://www.unicef.org/breastfeeding/; abgerufen am 26.10.2018)
  3. Kimani E. Kenya is a Breastfeeding Success Story but Still has its Challenges. Global Nutrition Report. (2015) (http://globalnutritionreport.org/2015/08/03/kenya-is-a-breastfeeding-success-story-but-still-has-itschallenges/; abgerufen am 26.10.2018)
  4. Matiri E. In Kenya, Encouraging Breastfeeding at the Community Level is Saving Lives. MHTF Blog. (2015 (https://www.mhtf.org/2015/08/06/kenya-breastfeeding-community-level-saving-lives/; abgerufen am 26.10.2018)
  5. Bundesinstitut für Risikobewertung. Stillen in Deutschland – eine Bestandsaufnahme. (2007). (https://www.bfr.bund.de/de/stillen_in_deutschland___eine_bestandsaufnahme-127243.html; abgerufen am 26.10.2018)
  6. Bundesinstitut für Risikobewertung. Wer stillt in Deutschland und wie lange? (2017).(https://www.bfr.bund.de/de/presseinformation/2017/20/wer_stillt_in_deutschland_und_wie_lange_-200781.html; abgerufen am 26.10.2018)
  7. CDC Breastfeeding Report Card. (2014). (https://www.cdc.gov/breastfeeding/pdf/2014breastfeedingreportcard.pdf; aberufen am 26.10.2018)

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